Wenige wissen, dass sich Rainer Maria Rilke (RMR) auch im Tessin aufgehalten hat, nämlich vom Dezember 1919 bis Ende Februar 1920. Noch weniger bekannt ist, dass es auch ein Rilke-Gedicht auf italienisch gibt («La Nascita del Sorriso»). Zudem gibt es zahlreiche Übertragungen von RMR aus dem Italienischen und eine Begegnung mit dem italienischen Komponisten Ferruccio Busoni. Bereits im Oktober 1919 weilte er für Lesungen in Brissago und hoffte dort ein kleines Haus mieten zu können. Ins Tessin trieb ihn die Sehnsucht nach einer ruhigen Zurückgezogenheit. Die Nähe zum Mediterranen faszinierte ihn. Von seiner Villa Muralto zeichnete er einen Plan seiner zwei Zimmer. 45 Briefe sind von ihm aus diesen 3 Monaten erhalten. Obwohl der Tessinaufenthalt seine Hoffnungen enttäuschte, entstanden auch hier wunderbare Schilderungen wie von der Sternennacht an Weihnachten in der Kirche von Losone oder von dem Horchen der ersten den Frühling ankündigenden Vogelstimmen. Die zunehmende Mittellosigkeit, die drohende Ausweisung aus der Schweiz aufgrund des Verlustes des österreichischen Passes und die beginnenden gesundheitlichen Leiden verdüsterten Rilkes Tage im Tessin. Die Hoffnung im Castello San Materno in Ascona bei den Bachrachs eine Bleibe zu finden, zerschlug sich. Nach dem kurzen Aufenthalt im für ihn zu teuren Grand-Hôtel Locarno kehrte er in die Villa Muralto ein. Er unternahm viele Spaziergänge auch zur Villa Quirico in Minusio. Eine sonderbare Beziehung zu Angela Guttmann, die spätere Angelina Rohr, die über Stalins Straflager berichtet und 1985 95jährig verstarb, spielte sich in der Cà di Ferro ab. Die dritte Etappe unserer Kunstspaziergänge – die gleichzeitig die 22. Ausgabe des Pilgerfestivals La Via Lattea darstellt – folgt den Spuren von RMR im Locarnese.
Unsere künstlerischen Spaziergänge, die auch im Rahmen des Festivals Pilgerreise «Via lattea 22» angeboten werden, folgen den Spuren von RMR in und um Locarno, spüren seinem inneren Wandel nach und fragen gleichermassen, was diese Orte auch heute an Kraft auslösen können. Lesungen von Rilke-Texten, aber auch zeitgenössischen Dichter*innen weisen den lyrischen Zugang ins heute. Neuste literarische Aufarbeitungen und selten gespielte Rilke-Vertonungen sowie vier Uraufführungen begleiten die RMR-Pilgerinnen und Pilger auf ihrem Weg. Untermalt werden die Spaziergänge von künstlerischen, performativen Installationen, welche einen überraschenden Dialog zwischen Rilkes Versen und der Landschaft schaffen.
Besonders hervorzuheben der Opernfilm, eine neue Choreografie von Tiziana Arnaboldi und die Film-Oper Mitsou im Teatro San Materno, das 1928, 2 Jahre nach Rilkes Tod, im Bauhausstil für die berühmte Tänzerin Charlotte Bara, die Tochter des Ehepaars Bachrachs gebaut wurde. Rilkes Spuren sind im Tessin noch allgegenwärtig! Erstmals wird hier der Zauber des künstlerischen Wegs von RMR im Tessin nachgezeichnet.