Im Kerzenlicht ein Feuer entfacht: So könnte man die «dämonischen» drei Wochen des Februars 1922 umschreiben, in denen RMR nach unruhiger langer Wanderschaft endlich seinen Schaffenshöhepunkt an «seinem» Ort erreicht hat, oberhalb von Sierre in Veyras, im alten Turm, Château de Muzot genannt. Zuerst war da aber das Wallis, der «grossartigste Kanton» der Schweiz, wie RMR schrieb. Das Tal geräumig, die Berge zurückgedrängt, hier ist nicht das Italienisch-Mediterrane, was anklingt, sondern das Licht der Provence und der weite Himmel Spaniens und natürlich die Rhone, deren Überschwemmungen in den 1920er Jahren RMR aber unerwähnt liess. Bereits im Herbst 1920 sah RMR erstmals das Wallis, Sion, Sierre und Raron und war begeistert. Ende Juni 1921 in Begleitung seiner damaligen engen Freundin und Geliebten Baladine Klossowska trifft er per Zufall im Schaufenster des Coiffeur-Bazars nahe beim Bellevue in Sierre, wo beide wohnten, auf die Annonce mit dem Foto des Château Muzot «à vendre ou à louer». So begannen die ereignisreichen letzten fünf Jahre, und die verzweifelte Sehnsucht nach dem richtigen Ort der Vollendung der «Duineser Elegien» schien erfüllt. RMR widmete sich dem alten einsam gelegenen Gemäuer, dem Garten, der Kapelle und unternahm zahlreiche Ausflüge und Spaziergänge in Talnähe, aber nie in die Berge. In den zahlreichen Gedichten und Brieftexten offenbart sich die grosse Affinität von RMR zu den Walliser Landschaften. Noch heute sind seine literarischen Betrachtungen der Rosen, der Rebterrassen, des Pfynwaldes, der alten Schlösser, der Obstgärten und der Pappeln Teil der Walliser Landschaftscharakteristik. Der grosse Europäer knüpfte aber auch viele Freundschaften zu lokalen Künstlerinnen und Künstler, aber auch zu Bauern und Industriearbeitern. Dank dem umfangreichen finanziellen Engagement der Familie Reinhart ist das Schlösschen Muzot samt seiner Umgebung noch heute im Zustand von 1926, als Rilke starb. Die Fondation Rilke in Sierre, Muzot und sein Grab in Raron sind zu internationalen Pilgerorten für Rilke-Liebhaberinnen und -Liebhaber geworden.

Das grosse Finale des Rilke-Festivals 2026 beginnt mit einem Geburtstagsapero am 4.12. und endet am Grab in Raron. Dazwischen folgen die Teilnehmenden den Spuren von RMR in und um Sierre, Muzot und Raron, spüren seinem inneren Wandel nach und fragen gleichermassen, was diese Orte auch heute an Kraft auslösen können. Lesungen von Rilke-Texten, aber auch zeitgenössischen Dichter*innen weisen den lyrischen Zugang ins heute. Neuste literarische Aufarbeitungen und selten gespielte Rilke-Vertonungen sowie fünf Uraufführungen begleiten die RMR-Pilgerinnen und Pilger auf ihrem Weg. Untermalt werden die Spaziergänge von künstlerischen, performativen Installationen, welche einen überraschenden Dialog zwischen Rilkes Versen und der Landschaft schaffen.

Besondere Highlights sind neben der Besichtigung der neuen Ausstellung der Fondation Rilke, der geführten Wanderung rund um Muzot vor allem die Aufführung des komplexen Opera-Films Mitsou im neuen Konzertsaal Noda WKB in Sion sowie die Uraufführungen in der Rarner Felsenkirche, quasi unter Rilkes Grab. Der Abschluss der vier Spaziergänge mit Rilke durch die Schweiz machen Schülerinnen und Schüler, die ihren Rilke 2.0 präsentieren. Die Veranstaltungssprache ist deutsch und französisch.