Winterthur ist zweifellos der Schlüsselort für das grosse Schweizer Werkschaffen von Rainer Maria Rilke (RMR). Hier begannen die entscheidenden Kontakte zu den Gebrüdern Reinhart, insbesondere zu seinem grossen Mäzen Werner Reinhart. Am 28. November 1919, von Soglio im Bergell kommend, hielt RMR am 28.11.1919 einen Vortrag auf Einladung der Literarischen Vereinigung. Seine Kontakte zu Winterthur bleiben, zum Beispiel zu Nanny Wunderly-Volkart, und zum Kunstsammler Richard Bühler. RMRs erster Besuch am 8. November 1919 galt einem Theaterstück im Casino Theater. Es folgen die Besuche im Rychenberg und Tössertobel. «Hier ist uns alles Heimat: auch die Not…» lautet eine Widmung für Hans Reinhart.
Ein in jeder Hinsicht «vollkommener Ort» und «ein Wunder» war für RMR das Schloss Berg am Irchel, wo er den Winter 1920/21 verbrachte. Auch dort war er nicht einfach ein fremder Gast, sondern interessierte sich für Land und Leute. In seinem aufblühenden Schaffen wollte er aber «von ganzem Herzen niemanden sehen». Es entstanden dort die ersten Texte, wie für «Mitsou» auf französisch, oder auch die Gedichtreihe «Aus dem Nachlass des Grafen C.W.», was auf eine okkulte Begegnung im leeren Schloss zurückgeht. Skurril wirkt die Klage über den «Sägerausch» der Landbevölkerung. Die Gedichte zum Friedhof in Flaach, das weisse Pferd und der Sturzbach verweisen auf konkrete Orte rund um Berg am Irchel.
Unsere künstlerischen Spaziergänge folgen den Spuren von RMR in Winterthur, entlang den Pärken, spüren seinem inneren Wandel nach und fragen gleichermassen, was diese Orte auch heute an Kraft auslösen können. Lesungen von Rilke-Texten, aber auch zeitgenössischen Dichter*innen sowie ein Poetry Slam (organisiert von lauschig) weisen den lyrischen Zugang ins heute. Neuste literarische Aufarbeitungen und selten gespielte Rilke-Vertonungen sowie drei Uraufführungen begleiten die RMR-Pilgerinnen und Pilger auf dem Weg. Einen besonderen Einblick gewährt Nanni Reinhart in das Tössertobel, wo der alte Gong im Sonnenbad zum gleichnamigen Rilke-Gedicht erklingen wird. In Berg am Irchel und können Rilkes Spaziergänge nachempfinden. Untermalt werden die Spaziergänge von künstlerischen, performativen Installationen, welche einen überraschenden Dialog zwischen Rilkes Versen und der Landschaft schaffen.